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Laudatio für Wolfgang Wahlster Wilfried Brauer, München Lieber Herr Wahlster, sehr geehrte Frau Wahlster !
Es ist mir eine große Ehre und eine ganz besondere Freude, heute, 20 Jahre nach Ihrer Promotion bei mir in Hamburg, genauer gesagt: 2 Tage vor dem 21. Jahrestag der Einreichung Ihrer Dissertation und 3 Tage vor Ihrem 21. Hochzeitstag, bei der ersten Verleihung einer Ehrendoktorwürde für Informatik durch eine deutsche Universität an Sie, lieber Herr Wahlster, mitwirken zu können - ich beeile mich, hinzuzufügen, daß der unüblich kurze Abstand von nur 20 Jahren zwischen diesen beiden Promotionen nicht etwa daran liegt, daß Sie spät promoviert wurden, sondern ganz im Gegenteil - daß Sie mit Ihren noch nicht ganz 49 Jahren ein ungewöhnlich junger Ehrenpromovend sind.
Als externer Laudator erlaube ich mir, nicht nur Herrn Wahlster sondern auch die TU Darmstadt zu loben dafür daß sie mit Herrn Wahlster, als dem erfolgreichsten deutschen Forscher im Bereich der Künstlichen Intelligenz, dieses lange Zeit ziemlich umstrittene Teilgebiet der Informatik besonders ehrt, und zwar zum ersten Male in Deutschland durch eine Ehrenpromotion.
Anders als bei einem etablierten traditionellen Fachgebiet steht bei der KI der Laudator zunächst auch vor der Frage: Warum findet man jetzt die Konzepte, Resultate, Produkte der KI so interessant, gut, wichtig, nützlich, daß jemand, der die KI durch seine Ideen, Arbeiten, Initiativen besonders geprägt hat, nun dafür auch ausserhalb der KI - in der Informatik ganz allgemein und auch über diese hinaus in Wissenschaft und Politik so besonders geehrt wird?
Sie haben es sicher schon gemerkt, das waren Auszüge aus Homers Ilias (aus dem 18. Gesang) in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss von 1793.
Hier wurden (schon vor zweidreiviertel Jahrtausenden) nützliche Produkte der KI vorgestellt, die Hephaistos und seinen Gästen Dienste leisteten:
Wir sehen: Der Wunsch nach KI-Produkten mit natürlichsprachlichen Benutzerschnittstellen ist so alt wie unsere Zivilisation. Aber bis vor kurzem schienen solche KI-Produkte nur den Göttern vorbehalten zu sein - und sie waren nur von einem Gott und nur einem einzigen Hephaistos - konstruierbar.
Heutzutage geht nicht nur jeder Informatiker, nicht nur jeder Ingenieur sondern auch fast jeder Politiker davon aus, dass es eine wesentliche Aufgabe moderner Wissenschaft und Technik ist, jedermann computergestützte Dienstleistungen und Geräte praktisch an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung zu stellen - nicht nur am Arbeitsplatz sondern überall im Alltag. Die Hardware-Komponenten der Computer- und Kommunikationstechnik sind dazu im wesentlichen vorhanden es wird aber immer klarer, dass das nicht genügt, sondern dass es eine der wichtigsten Herausforderungen für die Informatik ist, einfach handhabbare Benutzerschnittstellen zu schaffen, die auch für Computerlaien intuitiv verständlich sind und ihnen unkomplizierte Zugangsmöglichkeiten verschaffen - zu all den vielfältigen, mächtigen Informatiksystemen, die technisch verfügbar sind.
Und es wird auch immer klarer, dass die KI (und speziell Herr Wahlster) hierzu schon viel Vorarbeit geleistet hat und dass die KI zur tatsächlichen Realisierung noch viel mehr wird beitragen können und müssen; insbesondere bin ich sicher, dass Herr Wahlster bei seiner Jugend noch ganz besonders viel beisteuern wird.
Dazu zunächst eine Vorüberlegung: Ich formuliere diese beiden Auffassungen etwas überspitzt:
Erstens - die traditionelle Auffassung:
Zweitens - die der KI zugrundeliegende Auffassung: Diese zweite Auffassung war bis vor kurzem angesichts des tatsächlichen Hard- und Software-Entwicklungsstandes recht utopisch und wurde sogar von vielen als ein Ausdruck von gefährlicher Hybris angesehen und sehr kritisiert z.T. vielleicht auch deshalb, weil in KI-Kreisen den Warnungen vor Problemen einer naiven Computereuphorie und dem Bedürfnis nach Vertrauen in die Personen, die die Technik entwickeln, nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Herr Wahlster hat sich schon in Hamburg mit beiden Denkrichtungen auseinandergesetzt, er hat die Argumente gegen die KI-Auffassung ernst genommen und ihnen in seinen Arbeiten Rechnung getragen. Nun zurück zu der Frage nach den Anforderungen an Benutzerschnittstellen. Heutzutage ist man fast generell der Ansicht, jedermann solle mit Informatiksystemen fast so frei und selbstverständlich wie mit menschlichen Partnern kommunizieren können - was Hephaistos ja schon mit seinen Blasebälgen konnte. Man will in der kommenden Ära des ubiquitous and pervasive computing sowieso nicht mehr Computer vor sich haben, sondern die verschiedensten (computergestützten) Geräte, Arbeits- und Freizeitumgebungen mit intelligenten Benutzerschnittstellen, d.h. Benutzerschnittstellen, die den natürlichen Kommunikationsstil von Computerlaien akzeptieren und so unterstützen, dass eine benutzerangepasste, für den Menschen intuitiv verständliche und handhabbare Mensch-Technik-Interaktion möglich wird. Das ist offenbar eine Ansicht, die der KI-Auffassung entspricht sie hat sich in letzter Zeit, zumindest im Hinblick auf Benutzerschnittstellen, wohl allgemein durchgesetzt. Dazu hat Herr Wahlster vieles Wichtige beigetragen. Die Schaffung solcher intelligenten Benutzerschnittstellen haben Sie, lieber Herr Wahlster, zu Ihrer Lebensaufgabe gemacht.
Die Leitlinie Ihrer Arbeit ist: Ich möchte nun versuchen zu skizzieren, wie Sie aus meiner Sicht - von Anfang an ganz konsequent schrittweise vorgegangen sind, um dem großen Ziel näher zu kommen. Am Beginn steht bei Ihnen die Beschäftigung mit der Linguistik. Das fängt schon im Gymnasium an ich zitiere, mit Ihrer Einwilligung, lieber Herr Wahlster, aus Ihrem Bericht an die Studienstiftung des deutschen Volkes, von der Sie während Ihres Studiums der Informatik mit Anwendungsfach Linguistik in Hamburg (von 1972 bis 1977) gefördert wurden: Noch während meiner Schulzeit hatte ich an einem Funkkolleg "Einführung in die moderne Linguistik" des Instituts für Fernstudien der Uni Tübingen teilgenommen. Hier kam ich zum ersten Mal mit wissenschaftlichen Arbeitsmethoden in Berührung und merkte, dass mich Probleme der mathematischen Linguistik faszinieren. Die in meinem letzten Schuljahr erworbenen Klausurscheine wurden dann für mein Linguistik-Studium anerkannt, und ich durfte schon im zweiten Fachsemester an Hauptseminaren und ab dem fünften Semester am Doktorandenkolloquium teilnehmen. Schon im ersten Semester schloß sich Herr Wahlster einer kleinen Forschungsgruppe des damaligen Linguistik-Dozenten (und später im Ausland öfter als Vater der deutschen Sprachverarbeitung bezeichneten) Walther von Hahn an. Diese Gruppe begann damals, das weltweit berühmte Hamburger Redepartnermodell HAM-RPM (ein Simulationssystem für natürlichsprachliche Dialoge) zu entwickeln. Hier ging es erst einmal nur um geschriebene Sprache, denn im Vordergrund stand der Dialogaspekt. Über erste eigene Forschungsergebnisse konnte der Student im dritten Semester, Wolfgang Wahlster, bei der Jahrestagung 1973 der Gesellschaft für Informatik in Hamburg vortragen. Gegen Ende seines 3. Semesters, im Februar 1974, vertrat er zum ersten Male einen an meinem Lehrstuhl tätigen Dozenten der theoretischen Informatik (in einer Vorlesung über mathematische Linguistik). Ein Jahr später, im Februar 1975, d.h. in seinem fünften Semester, wirkte er in Bonn (mit ca. 50 anderen) bei der Gründung der Fachgruppe KI in der Gesellschaft für Informatik (der GI) mit daraus wurde viel später der Fachbereich 1 (Künstliche Intelligenz) der GI, über dessen Entwicklung wir heute Nachmittag noch einiges hören werden, weshalb ich auf Wahlsters wichtige diesbezügliche Aktivitäten nicht weiter eingehen werde.
Im Juli 1977 gab Herr Wahlster seine von Peter Schefe und mir betreute Informatik-Diplomarbeit ab. In ihr machte Wahlster einen wichtigen Schritt, der über die Linguistik korrekter exakter Sätze hinausgeht. Der Titel der Arbeit lautet Die Repräsentation von vagem Wissen in natürlichsprachlichen Systemen der Künstlichen Intelligenz. Sie ist der erste vollständige Überblick zu diesem Thema (mit 314 im Text zitierten und verarbeiteten Veröffentlichungen) und enthält auch schon eine Reihe neuer Ideen. Sie sahen schon damals die KI als Teilgebiet der Informatik mit einer technischen (heute sagen Sie wohl eher: ingenieurwissenschaftlichen) und einer theoretischen (d.h. erkenntnisorientierten, kognitionswissenschaftlichen) Zielsetzung und sehen seitdem - als Informatiker - Ihre Aufgabe vor allem im Rahmen der ingenieurwissenschaftlichen Zielsetzung, wobei Sie der Überzeugung sind, dass in Ihrem Arbeitsgebiet echter wissenschaftlicher Fortschritt ohne theoretische Basis nicht möglich ist. Sie befaßten sich und befassen sich seither intensiv, detailliert und kritisch mit Beiträgen aus vielen Fächern, die für Ihr Thema relevant sind: Philosophie, Psychologie, Linguistik, theoretische Informatik, Künstliche Intelligenz, praktische Informatik. Und Sie nehmen die Argumente der KI-Kritiker, der Vertreter der traditionellen Informatik-Auffassung ernst. Ihr Forschungsschwerpunkt ist, wie gesagt, von Anfang an die Konstruktion von Benutzerschnittstellen für einen natürlichen sprachlichen Dialog zwischen System und Benutzer mit Mitteln der Informatik Sie wollen erreichen, dass man mit den Dingen reden kann (wie Sie immer wieder betonen). Aber Sie wollen gleich noch mehr (wie auch schon in der Diplomarbeit mit Stichworten wie Benutzerprofil und Partnertaktik angedeutet); Sie wollen, dass das System den einzelnen Benutzer als Individuum, als eigenständige Person behandelt und auf sein Wissen, seine Vorlieben, seine Wünsche Rücksicht nimmt.
Es geht Ihnen also um zweierlei
Zu beiden Bereichen haben Sie, lieber Herr Wahlster, dann in den 25 Jahren der deutschen KI-Entwicklung weltweit herausragende Beiträge geleistet, und wesentlich dazu beigetragen, dass die deutsche KI in jedem dieser Gebiete eine internationale Führungsrolle hat. Um auf den historischen Ablauf zurückzukommen, noch ein Zitat aus Ihrem Bericht an die Studienstiftung. Danach werde ich weniger ausführlich auf die zeitliche Entwicklung eingehen vieles dazu ist ja bekannt und steht im Internet. Kurz vor Studienabschluß begann ich zusammen mit zwei Kollegen einen Antrag auf ein Forschungsprojekt bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auszuarbeiten. Da es sich um ein interdisziplinäres Projekt (HAM-RPM, Leiter: Walther v. Hahn) zwischen Informatik und Linguistik handelte, hatte die DFG zunächst Probleme, geeignete Gutachter zu finden. Es folgten bange Monate, in denen wir auf das Gutachtervotum warteten. Ich hatte für die Zeit nach dem Diplom eine Assistentenstelle angeboten bekommen oder hätte mich um ein Promotionsstipendium der Studienstiftung bewerben können. Ich zog aber die Mög-lich-keit einer Drittmittelstelle vor, da sie mir die besseren Forschungsmöglichkeiten zu eröffnen schien. Nach mehreren Rückfragen der Gutachter und langem Warten auf den Zu-wen-dungs-bescheid wurde unser Antrag schließlich genehmigt und ich konnte meine erste Stelle als BAT-Ila-Mitarbeiter mit dem guten Gefühl antreten, diese Stelle mitgeschaffen zu haben. Die risikoreiche Entscheidung erwies sich schnell als optimal, denn unser Projekt hatte internationalen Erfolg, und ich wurde zu meinen ersten Vorträgen in die USA und nach Japan eingeladen. In einem Nachfolgeprojekt, das vom Bundesministerium für Forschung und Technologie gefördert wurde, bekam ich mit 27 Jahren eine BAT-Ia-Stelle und die Leitung einer Gruppe von fünf Wissenschaftlern anvertraut, die fast alle älter als ich waren. Ich konnte auf diese Weise früh Erfahrungen in der Personalführung gewinnen, von denen ich noch heute bei der Leitung einer Gruppe von mehr als 30 wissenschaftlichen Mitarbeitern profitiere. Zitat Ende Die zwei Kollegen waren Wolfgang Hoeppner und Anthony Jameson, das Nachfolge-Projekt war HAM-ANS (Hamburger anwendungsorientiertes natürlichsprachliches System).
Hierzu noch eine Bemerkung Walther von Hahns. Herrn Wahlsters Dissertation war die 14. am Fachbereich Informatik der Universität Hamburg - und die erste, die die Note ausgezeichnet erhielt auch in den folgenden Jahren wurde mit dieser Note in der Hamburger Informatik sparsam umgegangen. Gutachter der Arbeit waren außer mir Herr Walther von Hahn (damals noch Professor der Sprachwissenschaft) und Professor Peter Raulefs , Bonn (als auswärtiger Gutachter). Der Titel der Dissertation lautet: Theorie, Entwurf und Implementation einer Erklärungskomponente für approximative Inferenzprozesse in natürlichsprachlichen Dialogsystemen. Er ist charakteristisch für Wahlsters wissenschaftliches Arbeiten:
Mit seiner Dissertation die eine der ersten Monographien in der Springer-Reihe Informatik-Fachberichte war - begründete Herr Wahlster das Gebiet der intelligenten adaptiven Benutzermodellierung in Dialogsystemen. Die von ihm entwickelte Erklärungskomponente für ein benutzerangepaßtes Expertensystem beantwortet Warum-Fragen des Benutzers, um ihm zu helfen zu verstehen, warum das System gerade diese Auskunft gibt oder diesen Vorschlag macht. Das System soll sich auf den speziellen Benutzer einstellen, ihn ernst nehmen, als Partner behandeln und ihm erläutern können, welches allgemeine Wissen und welche Annahmen über ihn (aus dem Benutzermodell) es bei seinen Überlegungen benutzt hat. Auf diese Weise soll der Benutzer Zutrauen zu den Auskünften und Vorschägen des Systems gewinnen können, und er soll (durch gezielte Fragen) Eingriffsmöglichkeiten in die Arbeit des Systems bekommen. Die Benutzermodellierung geschieht also nicht heimlich sondern offen.
In vielen weiteren Arbeiten haben Herr Wahlster und seine Mitarbeiter diesen Ansatz des kommunikativ adäquaten und kooperativen Eingehens auf die Wünsche, Bedürfnisse, Kenntnisse und Fähigkeiten des Benutzers ausgebaut z. B. auch durch Entwicklung von Verfahren zur kooperativen Überbeantwortung von Benutzeranfragen an Informationssysteme d.h. auf Fragen wie Wissen Sie, wie spät es ist soll nicht bloß mit Ja geantwortet werden, sondern etwa mit Ja, es ist schon 11 Uhr 40 Sie müssen sich beeilen. Vieles von dem, was Wahlsters Gruppe zum Thema Benutzermodellierung und natürlichsprachliche Argumentation zwischen Mensch und Maschine entwickelt hat, wird heute in kommerziellen Systemen eingesetzt - z. B. in intelligenten Hilfe-Systemen von IBM und Siemens, in Electronic Commerce-Systemen bei Daimler-Chrysler oder Teamware-Systemen von SAP. Und nun, lieber Herr Wahlster, möchte ich wieder auf Ihren Lebenslauf zurückkommen. Bereits 1982 - weniger als 2 Jahre nach der Promotion - holte Sie Professor Hotz auf eine C3-Professur nach Saarbrücken obwohl diese eigentlich für Datenbanken ausgeschrieben war und obwohl einer der Gutachter meinte, Wahlster wäre mit seinen 29 Jahren noch zu jung dafür. Damit war der Grundstein für die weltweit führende Rolle Saarbrückens in KI und Sprachtechnologie gelegt. Weder die Karlsruher noch wir Hamburger schafften es, Herrn Wahlster durch Angebot einer C4-Professur abzuwerben er bekam 1984 eine C4-Professur in Saarbrücken. Mit Karlsruher - und Kaiserslauterer - Kollegen baute Herr Wahlster ab 1983 den ersten DFG-Sonderforschungsbereich für Künstliche Intelligenz (SFB 314) auf, der von 1985 bis 1995 finanziert wurde; dessen Nachfolger in Saarbrücken wurde ab 1996 der ebenfalls von Wahlster mitkonzipierte und mitgeleitete kognitionswissenschaftliche SFB 378 zum Thema Ressourcenadaptive kognitive Prozesse, dessen Fortsetzung bis 2004 erst vor kurzem bewilligt wurde. Parallel dazu war Herr Wahlster wesentlich mitbeteiligt am Aufbau des DFKI in Kaiserslautern und Saarbrücken, dessen wissenschaftlicher Direktor er seit 1988 ist (zunächst zusammen mit Professor M. M. Richter) seit 1997 ist er auch "Vorsitzender der Geschäftsführung und technisch-wissenschaftlicher Leiter des DFKI". Neben all diesen Aktivitäten hat Herr Wahlster das weltberühmte Großprojekt Verbmobil mitkonzipiert und dann 8 Jahre lang (von 1993 bis 2000) mit ausserordentlichem Erfolg geleitet . Es stellt einen Höhepunkt der Sprachtechnologie dar das weltweit erste System, das frei formulierte gesprochene Spontansprache (in mehreren Sprachen und Dialekten) verarbeiten und so analysieren kann, dass sich daran eine Übersetzung in eine andere Sprache und eine Sprachausgabe anschließen kann, sodass ein zweisprachiger Dialog möglich wird. Ganz wesentlich für den Erfolg des Vorhabens war, dass es Herrn Wahlster gelang, Arbeitsgruppen aus den zwei grundlegend verschiedenen und sich bis dahin bekämpfenden Schulen der Sprachverarbeitung (der statistikbasierten und der regelbasierten) zur Mitarbeit zu gewinnen und Verfahren zu finden, um Methoden aus beiden Schulen parallel so zu nutzen, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Soviel zu Ihrem Grundanliegen, Herr Wahlster: sprachliche Kommunikation mit dem Computer. Ein erster Schritt über die bloße sprachliche Kommunikation hinaus war die Einbeziehung von bildlicher Information in einen Dialog - eine schon im Hamburger HAM-RPM-Projekt behandelte Fragestellung (zu der bereits 1978 eine Publikation Wahlsters zusammen mit Jameson und Hoeppner - im American Journal of Computational Linguistics erschien). Hiervon ausgehend kommt man zu zwei verschiedenen Fragestellungen. Zum einen fragt sich Wahlster: Wie lässt sich sprachliche und visuelle Information kombinieren, wie läßt sich die eine in die andere transformieren - insbesondere, wie läßt sich aus Bildern automatisch sprachliche Information gewinnen, die einen Dialog über diese Bilder erleichtert oder die Wahrnehmung von wichtigen Bildinhalten durch den Benutzer beschleunigt. Der Titel einer Veröffentlichung Wahlsters (von 1987) bringt die Idee auf den Punkt: Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder - z.B. wenn man eine Fernsehbildfoge zusammenfaßt in der Aussage Stau am Frankfurter Kreuz. In Wahlsters Projekt VITRA im SFB 314 gelang es Mitte der achtziger Jahre, weltweit zum ersten Male, Bildfolgen aus der natürlichen Umwelt automatisch zu analysieren und automatisch in natürlicher Sprache zu beschreiben: z.B. Straßenszenen oder Ausschnitte aus Fußballübertragungen (die sozusagen von einem künstlichen Reporter simultan kommentiert werden konnten). Hier geht es also um die inkrementelle Erkennung und Repräsentation von räumlichen Relationen, von Bewegungen und von Handlungsintensionen sowie Plänen. In Kombination mit den Resultaten zur Argumentation bei natürlichsprachlichen Dialogsystemen und zur Benutzermodellierung ergaben sich sofort vielfältige Anwendungen (z.B.
Und das alte Fußballreportersystem SOCCER wurde vor ein paar Jahren von Mitarbeitern Wahlsters so reimplementiert, dass es jetzt Roboterfußballspiele fortlaufend kommentieren kann. Die Firma Sony, die die jährlichen RoboCup-Wettbewerbe finanziert, zeichnete 1998 dieses System mit dem RoboCup Scientific Award aus. Zum anderen legt natürlich die Präsentation von Bildern in einem Dialog die Frage nahe, ob man die Kommunikation nicht durch Zeigegesten erleichtern kann. Also entwickelte Herr Wahlster im Projekt XTRA Mitte der achtziger Jahre ein Verfahren zur Kombination von sprachlichen Äußerungen über visuelle Szenen und von Zeigegesten, die sich gegenseitig ergänzen, um bessere Verständlichkeit (insbesondere Disambiguierung mehrdeutiger Aussagen) zu erreichen. Das Verfahren entscheidet aufgrund eines Benutzer- und eines Diskursmodells jeweils situationsabhängig, ob eine sprachliche Äußerung oder eine Zeigegeste verwendet wird. Und daran schloß sich eine wichtige Weiterentwicklung an, die die neuen Möglichkeiten der Technik nutzte:
Mit seiner Arbeitsgruppe am DFKI entwickelte Wahlster im Projekt WIP ein Verfahren zur wissensbasierten Erzeugung multimodaler Präsentationssysteme: Ausgehend von:
Soviel vorerst zu Sprache und Bild. Den nächsten großen Schritt machten Sie, Herr Wahlster, im Gebiet der Benutzermodellierung und der Anpassung an den Benutzer. Um auch die Befindlichkeit des Benutzers, seine psychische Disposition bei der Informationspräsentation und im Dialog berücksichtigen zu können, arbeiten Sie seit mehreren Jahren im SFB 378 mit Psychologen zusammen. Im interdisziplinären Teilprojekt READY (Co-Leiter Anthony Jameson) befassen Sie sich mit der Frage: Wie kann ein Dialogsystem die kognitiven Ressourcenbeschränkungen eines Benutzers (etwa durch Zeitdruck oder Ablenkungen) erkennen und entscheiden, wie sie zu berücksichtigen sind? Im Teilprojekt REAL konnten Sie zeigen, wie ein adaptives multimodales mobiles Informationspräsentationssystem situationsabhängig so auf Beschränkungen technischer oder kognitiver Ressourcen abgestimmt werden kann, dass es den Benutzer nicht überfordert, ihm aber trotzdem möglichst weitgehend hilft (man stelle sich dazu etwa ein Autofahrernavigationssystem im Stadtverkehr vor). Lieber Herr Wahlster, damit bin ich angelangt bei Ihrer aktuellen Forschungsarbeit - und ich könnte meine Laudatio beenden. Ich habe aber etwas Wichtiges ausgelassen. Denn eigentlich hätte zur Beschreibung Ihres ersten großen Schritts, der über die Sprache hinaus zu Bildern und Gestik führte, noch die Darstellung Ihrer Persona-Technologie gehört. Auf den Ergebnissen von XTRA, VITRA, WIP aufbauend entwickelten Sie mit Ihrer DFKI-Arbeitsgruppe (und insbesondere Frau André, jetzt Ordinaria in Augsburg) in den letzten Jahren in einer Reihe von Projekten das Konzept der Interface- und Präsentationsagentin Persona. Die Persona ist eine ansprechende animierte Figur, die benutzerangepaßte animierte audiovisuellen Präsentationen von multimedialen Daten vorführt , und die dazu natürliche Sprache und Zeigegesten verwendet. Sie kann auch auf Fragen und Kritik des Benutzers reagieren. Auch miteinander interagierende Teams solcher Agentinnen können eingesetzt werden. Eine wichtige Anwendung dieser Persona-Technologie ist die automatisch angepaßte Präsentation von Webseiten für verschiedene Benutzer. Neue Technologie ermöglicht es jetzt sogar, auch den Benutzern multimodale Interaktion mit dem System zu erlauben (d.h. Sprache, Gestik, Stifteingabe, Graphik und Biometrie zu nutzen). Zusammen mit der Persona-Technologie ergibt das für Herrn Wahlster,die Grundlage eines neuen Großprojekts, SmartKom, das ich nur noch so kurz erwähne denn Sie, lieber Herr Wahlster, werden sicher anschließend in Ihrem Festvortag darauf eingehen. Die Persona-Technologie habe ich mir für den Schluß aufgespart, um eine Anknüpfung an die goldenen Jungfrauen aus der Ilias zu haben. Ich sehe nämlich die Persona-Agentinnen durchaus als Weiterentwicklungen der goldenen Jungfrauen des Hephaistos: Beide sind begabt mit
jugendlich reizender Bildung,
Wichtig aber sind die Unterschiede zwischen den goldenen Jungfrauen und den Persona-Agentinnen:
vielmehr liegt der wesentliche Unterschied darin, dass die Persona-Agentinnen nicht bloß für eine exklusive persönliche Nutzung geschaffen wurden, wie die goldenen Jungfrauen des Hephaistos, sondern dass sie allgemein für jedermann zur Verfügung stehen. Denn Sie, Herr Wahlster, entwickeln, anders als Hephaistos, Ihre KI-Produkte nicht für sich, nicht nur für Ihren persönlichen Nutzen, für Ihre Firma. Sie schaffen Innovationen, die jedermann nutzen und weiterentwickeln können soll. Mehr noch: als echter Wissenschaftler publizieren Sie alle Ihre Forschungsergebnisse und stellen sie damit der Allgemeinheit zur Verfügung, auch wenn dann andere damit Geld verdienen. Sie sind eben durch und durch Wissenschaftler, und Sie sind Ihren Grundsätzen und Ihrem Arbeitsstil stets treu geblieben:
Wen wundert es da noch, dass Sie schon so viele Ehrungen erhalten haben ich erwähne nur einige:
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