„HyperBraille“ – ein Computersystem für sehbehinderte Menschen

Die Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH (DFKI) hat unter dem Namen „HyperBraille“ ein Computersystem für sehbehinderte Menschen entwickelt und jetzt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Mit HyperBraille, das von der Mainzer „Stiftung Rheinland-Pfalz für Innovation" mit insgesamt 1,4 Millionen Mark gefördert wurde, können Bilnde sowohl Büroarbeiten verrichten als auch in den weltweiten Onlinediensten wie dem Internet recherchieren oder elektronische Nachrichten austauschen. Weil in heutigen Büros die meisten Arbeitsplätze mit Computern ausgestattet sind, „eröffnet HyperBraille der Integration von Blinden in die Arbeitswelt eine ganz neue Dimension“, sagt Professor Dr. Andreas Dengel, wissenschaftlicher Direktor an der DFKI GmbH und Leiter des HyperBraille-Projekts. Individuelle, soziale und volkswirtschaftliche Probleme liessen sich mit der DFKI-Software deutlich mindern. Nur etwa ein Viertel aller 175.000 im erwerbsfähigen Alter stehenden Blinden in der Bundesrepbulik Deutschland ist erwerbstätig; nicht berücksichtigt sind dabei die 500.000 Sehbehinderten. Den Beweis, dass sich mit HyperBraille neue Perspektiven der Blindenintegration eröffnen, tritt die DFKI GmbH selbst an; eine blinde Mitarbeiterin nutzt HyperBraille, um Informationen über Förderprogramme der Europäischen Union zu sammeln, zusammenzufassen und zu verteilen.

Basis des blindengerechten Büroarbeitsplatzes sind eine intelligente Software für Dokumentenanalyse und -management (OfficeMAID), Dokumentensuche (OfficeAsk) sowie das eigentliche blindengerechte Frontend zur Steuerung des Computersystems oder zur Bedienung des Internets (HyperBraille). OfficeMAID analysiert und klassifiziert eingescannte Dokumente nach ihrem Layout, ihrer Struktur sowie nach Schlüsselbegriffen. Der Computer ist somit in der Lage zu ermitteln, ob es sich bei einem Text um ein Angebot, eine Rechnung, eine Buchrezension, einen Zeitungsausschnitt oder ein Kochrezept handelt. Um dies zu leisten, ist in der DFKI-Software ein komplexes Regelwerk und lexikalisches Wissen hinterlegt, um unterschiedlichste Dokumententypen und ihre Bestandteile zu erkennen.

Anhand des typischen Aufbaus und bestimmter Schlüsselwoerter erkennt OfficeMAID etwa eine Mahnung, ermittelt den Absender und den Betrag. Da es für die Struktur von Dokumenten keinen Standard gibt, sind die Anforderungen an die Software extrem hoch und die Wissensbasen entsprechend komplex. „Solche Problemstellungen sind mit konventioneller Software nicht zu lösen“, betont Professor Dengel, und ergänzt: „Dafür brauchen wir die Verfahren der Künstlichen Intelligenz“.

Analog zu OfficeMAID dient OfficeAsk zum schnellen Auffinden von Dokumenten. Hier erlaubt es die innovative Software, Spontansprache in für Rechner verständliche Abfragen zu überführen, etwa: „Kann ich den letzten Brief von Herrn Müller nochmal haben?“, oder: „Von wem ist heute Post gekommen?“ oder: „Hat die Firma Neverpay die Rechnung schon bezahlt?“. OfficeAsk muss wissen: Was ist eine Rechnung?, Wo steht der Absender?, Wo sind die Rechnungen einer betreffenden Firma gespeichert? Heute müssen die Anfragen noch per Tastatur eingegeben werden. Doch auch hier zeichnet sich ein Wandel ab: „Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich OfficeAsk auch per Spracheingabe bedienen lässt“, kündigt Professor Dengel an.

Der blindengerechte Büroarbeitsplatz jedoch entsteht erst durch die Integration der Office-Verfahren durch die besondere Mensch-Maschine-Schnittstelle HyperBraille, die die DFKI GmbH entwickelt hat. So werden die Texte der durch OfficeMAID analysierten Dokumente in das Standardformat ASCII überführt und entweder durch einen Sprachsynthesizer vorgelesen oder in der Blindenschrift „angezeigt“. Dafür ist in eine spezielle Tastatur eine sogenannte Braillezeile eingelassen, die Bildschirmzeile für Bildschirmzeile in der Brailleschrift darstellt und die die Inhalte damit „erfühlbar“ macht.

So entsteht in der Kombination der drei innovativen Vertahren ein gleichzeitig ergonomischer als auch effizienter Arbeitsplatz für blinde Mitarbeiter. Die Bearbeitung eingehender Post etwa wäre einem Blinden nicht möglich, wenn er oder sie keine Möglichkeit der Auswahl nach dem Absender hätte. Jeden Brief lesen zu müssen, um dann zu bestimmen, welche Vorgänge Priorität besitzen, wäre wenig rationell; die Suche nach einem bestimmten Brief, den man erwartet, unmöglich. Ebenso verloren wäre der Blinde, wenn es keine Möglichkeit der gezielten Suche nach abgelegten Dokumenten gäbe, sondern erst alle in Frage kommenden Dokumente geöffnet werden müssten. So aber sind unter HyperBraille Fragen möglich wie: „Von wem ist Post gekommen?“. OfficeMAID hat die Briefe analysiert und die Adressaten erkannt, die von dem Sprachgenerator dann vorgelesen werden.

Damit OfficeMAID und OfficeAsk arbeiten können, müssen die Dokumente elektronisch vorliegen. Dazu reicht ein handelsüblicher Flachbettscanner. Liegen die Texte schon elektronisch vor, erübrigt sich diese Transformation. Das ist der grosse Vorteil von elektronischer Post oder des Internets. Weil dort sämtliche Informationen bereits digital vorliegen, können sie durch die DFKI-Software analysiert und zugeordnet werden, so dass mit Hilfe der HyperBraille-Schnittstelle ein geradezu idealer Internet-Arbeitsplatz für blinde Mitarbeiter entsteht: „Mit unserem System können blinde und sehende problemlos über das Internet kommunizieren“, freut sich DFKI-Wissenschaftler Dengel. „Unsere Software erhöht die Autonomie und Selbstständigkeit sehbehinderter Menschen, indem es sie weitgehend unabhängig von der Blindenschrift macht“, resümiert auch Dr. Detlev Ruland, Geschäftsführer der DFKI GmbH. Verschiedene Unternehmen haben bereits angekündigt, die bei der DFKI GmbH entwickelten Verfahren zu marktgängigen Produkten weiterzuentwickeln und auch selbst einzusetzen. Schon für weniger als 100 000 DM, so die vorläufigen Schätzungen, liesse sich dann ein blindengerechter Büroarbeitsplatz einrichten.

Das Handicap blinder Menschen qua intelligenter Software auszugleichen, stellt jedoch nur den Extremfall dar. Es muss sichergestellt sein, dass alle relevanten Informationen, die zum Verständnis und zur Weiterverarbeitung von Dokumenten notwendig sind, akustisch oder taktil zur Verfügung gestellt werden. Doch die in diesem Zusammenhang entwickelten Verfahren von Dokumentanalyse und -management sind auch in ganz anderen Bereichen anwendbar. „Das Problem, eingehende Post nach Relevanz zu ordnen, zu klassifizieren und weiterzuleiten oder bearbeitete Dokumente automatisch zu kategorisieren und abzulegen, stellt sich in sämtlichen Unternehmen und Verwaltungen“, sagt DFKI-Chef Ruland. So ist OfficeMAID auch geeignet, eingehende Post in einem Unternehmen automatisch an die Adressaten oder richtigen Sachbearbeiter weiterzuleiten. In Tests, die bei der DFKI GmbH gelaufen sind, hat sich gezeigt, dass über 90 Prozent der eingegangenen Post vollautomatisch an die richtigen Empfänger weitergeleitet wurden. Der verbleibende Rest wird dann im Dialog zwischen Anwender und Computer an die richtige Stelle geführt. Nicht nur der Integration blinder Menschen eröffnen sich neue Perspektiven, sondern auch der Automatisierung zeitraubender und teurer Arbeitsvorgänge: „Mit unseren Verfahren läuten wir eine neue Generation von Systemen zur Büroautomatisierung ein“, ist sich Professor Dengel sicher.


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