Ansichten und Einsichten zur Wissenschaftskommunikation - Interview für "Wissenschaft kommuniziert"

Reinhard Karger, Unternehmenssprecher DFKI im Interview mit Reiner Korbmann, Büro für Wissenschafts- und Technikkommunikation

Veröffentlicht am 27.07. auf “Wissenschaft kommuniziert“

Sind Sie bislang persönlich gut durch die Corona-Krise gekommen? (Gesundheit? Homeoffice? Homeschooling?.....)
Danke der Nachfrage, ja, persönlich bin ich gut und gesund durch diese weltverstörende Krise gekommen. Die Kinder studieren, also war Homeschooling keine Anforderung. Mein Arbeitszimmer hat eine belastbare Ausstattung, die Internetverbindung ist breitbandig, und Wissenschaftskommunikation nutzt seit Jahren und auf mannigfaltige Weise digitale Kanäle. Beste Voraussetzungen, um die Vorteile von Homeoffice in der Tat praktisch nutzen zu können.

Hat die Krise beruflich für Sie große Veränderungen/Belastungen gebracht?
Für die meisten Aspekte des Alltags und uns alle hat diese Krise extreme Veränderungen gebracht. Das DFKI hatte die Infrastruktur, das Wissen und den Willen, allen Mitarbeitenden und umgehend im Homeoffice jede Möglichkeit für die nahtlose digitale Zusammenarbeit zur Verfügung zu stellen. Gute Entscheidung. Wir nutzen unternehmensweit Tools, für Videoconferencing, Präsentation, für Kollaboration in Projekten, die Arbeit an Dokumenten, Videos, Grafiken. Auch für virtuelle Betriebsversammlungen mit über 1000 Mitarbeitenden.

Die qualitativen Auswirkungen der Distanzarbeitswelt auf unsere tägliche Kommunikationsarbeit waren gering. Eigentlich eher positiv. Das liegt wesentlich daran, dass sich die Kolleg*innen kennen und schätzen und über die DFKI-Standorte hinweg digitale Kommunikation Standard war und ist. Teamabsprachen wurden intensiviert und jeder fühlte sich zu recht informierter. 

Tatsächlich haben die ausgefallenen Besuchs- und Workshopveranstaltungen und die abgesagten Vortragsverpflichtungen zeitliche Freiräume geschaffen. Wir konnten Projekte in Angriff nehmen, technische und kommunikative Skills aufbauen. In Summe allerdings eher Mehrarbeit als Kurzarbeit.

Was haben Sie für sich persönlich aus den Erfahrungen gelernt?
Die Reisebelastung aktuell nicht zu haben, ist eine wirkliche Entlastung! Aber Online-Vorträge und -Podiumsdiskussionen sind anders. Möglich schon, und selbstverständlich muss man sich seriös mit Kamera, Ton, Raum und Licht auseinandersetzen. Alles machbar. Dennoch: ein Bildschirm ist keine Bühne, eine Kamera kein Publikum und ein eventbegleitender Chat-Kanal ersetzt weder Fragerunde noch Pausengespräch. 

Für mich ist es eine Erfahrung vergleichbar mit dem Weg vom Theater zum Film - allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Nach einer Aufführung oder einem Konzert gibt es vielleicht eine fröhliche Aftershow-Party, aber ansonsten wenig verbalen Austausch zwischen Bühne und Publikum. Bei einem Wissenschaftsevent hingegen ist der Anteil der lediglich unterhaltungswilligen Besucher gering. Wenig Zuschauer*innen, sondern primär inhaltlich interessierte Teilnehmer*innen. Und die Pausengespräche sind oft vielschichtig, manchmal phänomenal.

Die Reduktion auf die reine Online-Informationsvermittlung ist möglich, aber die Teilnehmenden führen nicht die Dialoge, um die es eigentlich geht. Man kann sich wirklich gut wechselseitig informieren, aber deutlich weniger gut gemeinsam rätseln.

Was haben Sie für sich beruflich aus den Erfahrungen gelernt?
Eine Überraschung: alle Kolleg*innen waren bereit und willig und dann im Ergebnis begeistert von der durchgehend virtuellen Zusammenarbeit, die für uns extrem gut funktioniert, effektiv und ergebnisreich ist.

KI ist ein Tagesthema. Die Nachfragen sind zahlreich. Der Informationsbedarf ist groß und der will bedient werden, damit die wissenschaftlichen Perspektiven nicht überlagert werden von Marketing oder Science Fiction. Wissenschaftskommunikation muss versuchen, die Öffentlichkeit in einer Phase zu erreichen, in der ein Thema wissenschaftlich aktuell ist, ein grundsätzliches gesellschaftliches Interesse besteht, Narrative noch nicht weltanschaulich verfestigt sind und sich die öffentliche Meinung in einem ergebnisoffenen Diskurs erst noch bildet.

Gelernt haben wir viel. Standortübergreifendes Multiplattformstreaming von Online-Events ist tückisch. Der produktive Live-Einsatz von Videoswitchern will geübt sein. Bildregie und Multicast sind eigene Kompetenzbereiche. Praktische Erfahrung hilft, und da haben wir in den Teams Skills aufgebaut für die Vorbereitung und Durchführung von Online Live-Events. Das erhöht unsere Reaktionsgeschwindigkeit bei tagesaktuellen Nachfragen, für eigene Pressekonferenzen, Keynotes, Podcasts und Podiumsdiskussionen und das ist für Wissenschaftskommunikation und Diskursqualität durchaus vielversprechend. 

Werden Sie in Zukunft in der Wissenschaftskommunikation andere Prioritäten/Themen setzen als vorher?
Künstliche Intelligenz ist thematisch bereits extrem umfangreich und eine Basistechnologie für viele Anwendungsfelder, aber wir werden Themen neu gewichten bzw. ergänzen. Die Bedeutung von KI für Pandemie-Prävention, -Früherkennung oder kognitive Sozialsimulation für die bessere Abschätzung der Auswirkung von epidemiologischen Maßnahmen auf das zu erwartende Infektionsgeschehen kommen dazu. 

Aktuell arbeiten viele an hybriden Veranstaltungskonzepten. Ich bin noch nicht überzeugt, dass solche Formate wirklich erfolgreich sein werden. Virtualität ist großartig, Präsenzkultur ist wunderbar - eine Mischform schwer vorstellbar. Aber auch da wird es Ideen geben und wir sind natürlich ergebnisoffen.

Ein Kollege sagt, die Online-Veranstaltungen seien „seltsam zweidimensional“ und das trifft es. Der Erlebnistiefe mangelt es an Tiefenschärfe. Die Information bleibt, der Raum fehlt. Im Ergebnis sind das existenzsichernde Bestätigungen für die offensichtliche Sinnhaftigkeit von Messen, Kongressen und Konferenzen. Wenn man sich in die Augen schauen kann, nimmt die Intensität, die Inspiration und damit die Wahrscheinlichkeit von Innovation zu.

Eine konkrete Frage zum Schluss: Wie, denken Sie, kann das enorm gewachsene Vertrauen, die große Aufmerksamkeit, die Wissenschaft in den letzten Monaten genossen hat, in den nächsten Jahren erhalten, vielleicht sogar ausgebaut werden?
Das Vertrauen wird bleiben, hoffentlich. Aber seien wir realistisch, die Aufmerksamkeit wird schwinden. Wissenschaftler waren in den Medien über Monate präsenter als jemals zuvor. Das lag nicht an der Wissenschaft, sondern an den Problemen der Welt, die die Politik und die Öffentlichkeit ratlos gemacht haben, so dass von allen Seiten fundierte Beratung nachgefragt wurde. Angetrieben von einer unmittelbar erlebten existentiellen Betroffenheit, gesundheitlich oder wirtschaftlich. Der Unterschied zur Klimakrise, die unser Leben noch vielschichtiger und tiefgreifender verändern wird, war die Abruptheit der Entwicklung.

Glücklicherweise für Deutschland waren die Virolog*innen und Epidemiolog*innen auskunftswillig, ausreichend belastbar und frustrationstolerant, gegeben die medialen Verkürzungen und Eskalationen. Manche Themen lassen sich nicht in 5 Worten differenziert darstellen, dazu gehören die meisten wissenschaftlichen Inhalte und erst recht nicht, wenn der Erkenntnisprozess laufend neue Ergebnisse bringt. Aber es ist inhaltlich und menschlich beeindruckend, wie die Wissenschaftler damit umgegangen sind. Respekt und Applaus dafür! 

Aber wir müssen realistisch sein. Wenn die Pandemie entweder überwunden oder zu einer Normalität geworden ist, werden die Wissenschaftler*innen wieder normal arbeiten können - und die mediale Aufmerksamkeit wird ein neues Tagesthema finden. Vielleicht Fußball oder Finanzaufsicht, Migration oder Populismus. Oder aber die Außerirdischen landen und die Linguisten retten die Welt - eine Sternstunde für Geisteswissenschaften -, weil sie die Sprache der Aliens entschlüsseln.


Bio:
Reinhard Karger (1961), M.A., studierte theoretische Linguistik und Philosophie in Wuppertal, war Assistent am Lehrstuhl Computerlinguistik der Universität des Saarlandes, wechselte 1993 zum Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, DFKI, in Saarbrücken. Seit 2011 ist er Unternehmenssprecher des DFKI. 

Reinhard Karger beschäftigt sich seit 35 Jahren mit theoretischer Linguistik und Künstlicher Intelligenz, mit Bewusstseinsphilosophie, mit digitaler Innovationskultur und Wissenschaftsgeschichte.

Reinhard Karger war über zehn Jahre Mitglied der Jury des "Ausgezeichnete Orte”-Wettbewerbs, ist seit Juni 2019 Botschafter von "Deutschland - Land der Ideen” und wurde 2020 in die Jury des Deutschen Mobilitätspreis berufen. Von Mai 2014 bis Juni 2017 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen e.V. (DGI). Seit Februar 2017 ist er MINT-Botschafter des Saarlandes, im März 2018 wurde er zu einem der 100 Fellows des Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes ernannt, darüberhinaus ist er Juror der Wettbewerbe Kreativsonar (Land) und Kreativpiloten (Bund).
 

Beitrag teilen auf:

Kontakt

Reinhard Karger M.A.
Unternehmenssprecher DFKI

Tel.: +49 681 85775 5253


Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH (DFKI)
Saarland Informatics Campus
Stuhlsatzenhausweg 3
66123 Saarbrücken
Deutschland

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz
German Research Center for Artificial Intelligence