Gespr├Ąch des ZDF-Moderators Klaus-Peter Siegloch mit Prof. Wahlster



Max Delbr├╝ck Communications Center (MDC.C) Berlin, 29.11.2001
In ganz Deutschland als Fernsehsendung (Phoenix) zweimal ausgestrahlt am 29.11.01, 23:30 Uhr und am 30.11.01, 16:15 Uhr

Klaus-Peter Siegloch: 
Guten Abend, Prof. Wahlster.
Man sagt ja immer, die deutschen Wissenschaftler haben ein bisschen Schwierigkeiten aus ihren Forschungsideen praktische Produkte zu machen. Sie haben das ├╝berhaupt nicht.

Prof. Wahlster: 
Nein, gar nicht. Ich habe auch viel Spa├č dabei, wenn die Dinge wirklich wirtschaftlich umgesetzt werden und auch wieder Geld in die Kassen unserer Industrie bringen, denn letztendlich leben wir davon als Forscher. Wir arbeiten bei uns am Forschungszentrum DFKI sehr stark mit Industriemitteln und insofern freuen wir uns, wenn die Industrie mit unseren Ideen auch schlie├člich Geld macht.

Klaus-Peter Siegloch: Ist es denn ein Vorurteil, dass es bei den anderen Forschern doch so ein bisschen schwierig ist oder sehen Sie das schon, dass in Deutschland der Weg von der theoretischen Entwicklung bis zur praktischen Umsetzung doch manchmal recht lang ist?

Prof. Wahlster:
 Ich glaube, das ist in den letzten Jahren viel besser geworden. Gerade das Zusammenspiel, zwischen Industrie, Hochschul- und Forschungsinstituten ist in Deutschland, ich w├╝rde sagen, fast vorbildlich und gerade in den USA ÔÇô was oft so als Beispiel angef├╝hrt wird - l├Ąuft die Kooperation oftmals gerade zwischen Gro├čunternehmen und Forschungsinstituten gar nicht so gut, wie man hier landl├Ąufig meint.

Klaus-Peter Siegloch: 
Sie haben nun ein Konstrukt entwickelt, was im ersten Moment sehr merkw├╝rdig erscheint. Das ist eine gemeinn├╝tzige GmbH und die macht Sie offensichtlich unabh├Ąngig von Forschungsmitten. Auf jeden Fall haben Sie eine kommodere Situation als viele andere Forscher in Deutschland. K├Ânnen Sie das etwas beschreiben?

Prof. Wahlster: 
Ja, das ist eine neue Idee gewesen, dass wir sagen, wir bringen die Industrie gleich mit in das Forschungsinstitut hinein. Wir haben insgesamt elf Gesellschafter. Einige davon sind gro├če Unternehmen. Beispielsweise sind DaimlerChrysler, SAP und die Dresdner Bank bei uns Gesellschafter. Wir haben dann aber auch Gro├čforschungseinrichtungen, beispielsweise die Fraunhofer-Gesellschaft mit dabei. Und Public-Private-Partnership hei├čt ja, dass wir auch ├Âffentliche Gesellschafter haben, besonders die L├Ąnder Saarland und Rheinland-Pfalz und ganz besonders wichtig das Bundesministerium f├╝r Bildung und Forschung, das uns im Rahmen der Projektf├Ârderung sehr unterst├╝tzt. 

Das neuartige ist, dass wir keinerlei Grundfinanzierung bekommen, die oft Forscher verw├Âhnt, sondern wir m├╝ssen jede Mark durch Projektantr├Ąge einwerben und das erzieht die Forscher, glaube ich, auch sehr. Ein weiterer gro├čer Vorteil ist, dass wir als gemeinn├╝tzge GmbH nicht den Regeln des ├Âffentlichen Dienstes unterliegen. Das hei├čt aber nicht das wir stets besser zahlen, manchmal bezahlen wir sogar schlechter, aber wir sind erheblich flexibler, k├Ânnen unsere Forscher sehr leistungsorientiert entlohnen. Und das macht den Leuten so viel Spa├č, dass sie auch einige Zeit bleiben, wobei sie nicht ewig bleiben. Auch das ist wichtig. Unsere Mannschaft ÔÇô wir haben 170 Mitarbeiter - ist sehr jung, 33 Jahre im Durchschnitt. Ich denke, ich selbst erh├Âhe den Durchschnitt leider etwas. Aber es ist im Grunde genommen eine tolle Sache. Es ist eine Art Durchlauferhitzer f├╝r den Forscher. Wir wollen eigentlich nicht, dass die Leute ewig bei uns bleiben, sondern wir freuen uns, wenn sie dann entweder in die akademische Welt gehen oder selbst Firmen gr├╝nden ÔÇô wir haben sechzehn Firmengr├╝ndungen - oder dass Sie eben einfach zu unseren Industriepartnern wechseln.

Klaus-Peter Siegloch: 
Die gemeinn├╝tzige GmbH ÔÇô ist das denn so ein Modell, was man wirklich auf weite Bereiche der Universit├Ąten ├╝bertragen kann. Ich meine, die Germanisten k├Ânnen ja schlecht Firmen gr├╝nden.

Prof. Wahlster: Gerade wo Sie die Germanisten ansprechen, die arbeiten ja bei uns mit. Ich glaube, es gibt neue Forschungsfelder auch f├╝r die Geisteswissenschaftler. Das wird oft ├╝bersehen. Gerade bei uns in der K├╝nstlichen Intelligenz-Forschung brauchen wir Psychologen; und wir brauchen auch Linguisten. Wenn Sie an die ganze Multimedia- und Bildungssoftware denken - das ist ohne Geistes- und Sozialwissenschaftler nicht machbar.
Ich glaube, dieses Modell ÔÇô ich will es nat├╝rlich nicht verabsolutieren ÔÇô ist sicherlich eine Bereicherung in unserer Forschungslandschaft. Wir brauchen Gro├čforschung, wir brauchen aber auch: klein, aber fein.

Klaus-Peter Siegloch: In dem Film haben wir gelernt, Sie sind in Europa Spitze. Sind Sie es denn auch weltweit? Wenn man sich die USA jetzt anschaut, wie w├╝rden Sie sich im Verh├Ąltnis zur USA sehen?

Prof. Wahlster: Es ist ja immer schwierig ein Urteil ├╝ber sich selbst zu f├Ąllen. Aber wir hatten gerade vor einigen Wochen eine gro├če Konferenz ├╝ber das Thema Mensch-Technik Interaktion und da kam ein Chefentwickler von Microsoft pers├Ânlich auf eigene Rechnung. Den haben wir gar nicht eingeladen. Es kamen viele amerikanische Software-Spezialisten und es kamen Professoren aus den hochber├╝hmten Universit├Ąten, wie Stanford, CMU auf eigene Rechnung - das hei├čt schon was. Fr├╝her sind wir immer in die andere Richtung geflogen. Jetzt kommen die Herrschaften halt hierher um sich die neusten Sachen anzugucken. Ich glaube wir stehen sehr gut da und k├Ânnen mindestens mit USA und auch Japan mithalten.
(Applaus)

Klaus-Peter Siegloch: 
Hat es bei Ihnen im Leben mal die Versuchung gegeben, in die USA zu gehen, so in der Fr├╝hphase?

Prof. Wahlster: 
Ja, ich war auch mal Gastprofessor in Berkeley f├╝r einige Zeit mit meiner Familie, aber ich muss sagen, mir gef├Ąllt es in Deutschland erheblich besser: gesellschaftlich, politisch, aber auch was die Medien betrifft. Wir f├╝hlten uns doch in den USA nicht so ganz gl├╝cklich. Obwohl ich sagen muss: ich bin ein Fan der USA als Urlaubsziel. Ich arbeite dort ab und zu mal gern und fahre auf Kongresse, aber ich lebe eigentlich lieber im Saarland.

Klaus-Peter Siegloch: Zum Schluss, Herr Professor Wahlster, doch nochmal zu einem Blick in die Zukunft. Es ist ja doch alles so ein bisschen in Richtung K├╝nstliche Intelligenz und man liest auch kluge Leute, die sagen, wir m├╝ssen uns f├╝rchten vor einer Entwicklung in Richtung K├╝nstliche Intelligenz, die uns dann m├Âglicherweise einmal ├╝ber ist. Ist das alles nur Science Fiction?

Prof. Wahlster: 
Das ist Science Fiction, das ist die Welt von Odyssey 2001, HAL und so weiter. Wir haben die Systeme im Griff. Au├čerdem muss man sagen, wenn wir die Intelligenzleistung dieser Systeme betrachten, dann brauchen wir uns in den n├Ąchsten 100 Jahren keine Sorgen zu machen, dass diese Systeme uns ├╝bertreffen.

Klaus-Peter Siegloch: Vor Aibo m├╝ssen wir uns sowieso nicht f├╝rchten, dass haben wir eben gesehen. Vielen Dank, Professor Wahlster.
(Applaus)