Kritik der künstlichen Vernunft

Ein Diskussionsbeitrag von DFKI Unternehmenssprecher Reinhard Karger, 29. März 2021

Der Titel ist gleichzeitig Arbeitsauftrag und Provokation und das zweite in doppelter Hinsicht. Kants epochale Kritik im Titel aufzugreifen, ist eine Anmaßung, die das Scheitern in sich trägt. Das wird zusätzlich pointiert durch den 240sten Jahrestag der Veröffentlichung der ersten Auflage, die Kant mit Datum 29. März 1781 „Sr. Exzellenz, dem Königl. Staatsminister Freiherrn von Zedlitz“ widmet. Es ist vermessen, denn Kants gedankliche Präzision, begriffliche Differenziertheit und die geistesgeschichtliche Bedeutung seiner „Kritik der reinen Vernunft“ ist beeindruckend, am Ende fast furchteinflößend. Nicht zuletzt ist ihr Umfang opulent und ein Artikel jederzeit der Kürze verpflichtet.

Die reine Vernunft ist das menschliche Vermögen des Schließens, der Prinzipien und Kategorien, die nicht der empirischen Erfahrung entnommen werden, sondern die die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrungen sind. Der Zugang zur Welt ist also weder frei noch voraussetzungslos, sondern innerhalb des natürlich angeborenen, genetisch angelegten menschlichen Weltzugangs. Die menschlichen Erkenntnisse haben zwei Stämme und eine unbekannte Wurzel – so Kant: “Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.“ KrV, Einleitung. Die Frage steht im Raum, was maschinelle Erkenntnisse sein könnten und ob es sie geben kann. Automatisches Beweisen und maschinelle Schlussfolgerungen gibt es offensichtlich.

Die Sinnlichkeit gibt uns Objekte durch Eindrücke. Der Verstand denkt sie. Die Sinne haben ihren Sitz in den Sinnesorganen. „Rot“ hat nur Anschauung für jemand, der sehen kann oder konnte. Die Sinnesorgane sind rezeptiv, nicht kreativ. Sie produzieren die Erscheinungen nicht ursächlich. In der pragmatischen Weltsicht des empirischen Realismus kann man davon ausgehen, dass unseren sinnlichen Empfindungen Objekte in der Welt entsprechen. Der Mensch wird von den Gegenständen der Welt sinnlich affiziert, bewegt, eigentlich angefallen. 

Menschliche Anschauung lebt in den Gedanken, und Gedanken sind nur für das „Ich“ und Akte des „Ich denke“. Anschauung ohne Selbstbewusstsein ist wie ein Buch im Regal. Erst wenn es gelesen wird, haben die gedruckten Wörter ein gedankliches Leben. Erst das „Ich denke“ macht aus Sätzen und Texten Inhalte und Ideen. Aus denen können Motive werden mit Zielen und Handlungen, die als Taten die Objekte der Welt oder die Welt verändern. Da jede Tat aus einem zureichenden Grund geschieht und da etwas getan oder aber auch unterlassen werden kann, stehen die Handlungen in persönlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Abwägungen, die die Wünschbarkeit relativieren oder eine Tat bzw. ihre Unterlassung fordern.

Gegeben sind die Gegenstände dem Menschen, wenn der Verstand die Sinneseindrücke eingeordnet und Eigenschaften zugeordnet hat. Sie sind gedacht, wenn Benennungen gefunden sind. Benennung bedeutet nicht nur die Zuordnung von sprachlichen Ausdrücken, sondern Begriffe, die in Beziehung stehen zu anderen Begriffen und zu der Begriffshistorie, der persönlichen Verwendungsgeschichte, der tatsächlichen oder gedachten eigenen Erklärungs¬kompetenz, der zeitgeschichtlichen Rolle, die ein Begriff politisch und sozial in der jeweiligen Gegenwart haben kann. Eingewebt in diesen vieldimensionalen Raum steht der sinnlich gegebene und vom Verstand gedachte Gegenstand vor dem inneren Auge des „Ich denke“.

Was ist das Interessante am Mensch? Aufgeregt zu sein als dieses Ich in Kenntnis der eigenen Endlichkeit bei der Erinnerung an erlebtes Glück, bei der Hoffnung auf zukünftiges, mit einer Neigung das Zusammen zu befördern, das Miteinander zu suchen, mit einem Willen und mit Vorstellungen. Wenn man sich beim Menschen alles wegdenkt, was interessant ist, dann kommt man langsam bei den leistungsfähigsten Maschinen an, denen man eine künstliche Vernunft unterstellen kann. 

Man könnte sagen, dass es zwei Stämme der maschinellen Erkenntnis gebe, die nicht aus einer gemeinschaftlichen Wurzel entspringen, nämlich sensorische Rezeptivität und digitale Repräsentation und Verarbeitung, durch den ersten werden sie zum Objekt der Klassifikation und als solches sind sie benannt und durch den zweiten werden sie begrifflich in Beziehung gesetzt in der Welt der realen Objekte als Ursache und Wirkung, in der Welt der Argumente als Grund und Folge. Durch Prozessor und Programmierung werden diese Knoten eines Wissensgraphens zu einem Vektor und zum Material einer beliebig komplexen Schlussfolgerung. Denn logisch schließen können Maschinen, nur denken können sie nicht.

Zum Denken gehört das „Ich denke“ und das ist ein anderer Ausdruck für Selbstbewusstsein. Es ist außerordentlich zweifelhaft, dass sich Bewusstsein mathematisch formalisieren lässt. Wäre das doch der Fall, könnte man zweifellos Maschinen bauen, die Spuren eines maschinellen Bewusstseins und maschinellen Selbst zeigen würden. Und dabei nicht eingeschränkt sind von Leiblichkeit, nicht angetrieben von Lust. Aber aktuell gibt es nicht einmal Spurenelemente. Das ist bedeutsam, aber nicht schlimm. 

Bedeutsam, weil die Abwesenheit von Bewusstsein als der Bedingung der Möglichkeit für Welterfahrung die Interaktion mit Maschinen prinzipiell einhegt. Mensch-Maschine-Kommunikation ist nichts Pädagogisches, sondern ein Steuerungsproblem. Es gibt Interaktion, aber keine Gespräche und keine Ermahnungen, auch keinen Stuhlkreis, kein Motivationstraining und keine Motive. Maschinen brauchen auch keine Weiterbildung, sondern ein Update oder werden gleich ersetzt durch leistungsfähigere Maschinen mit einem neuen Motherboard. Wir müssen keine Psychologie der Maschine erlernen, und die Didaktik des maschinellen Lernens ist im Wesentlichen ein Problem der Architektur und der tauglichen Auswahl des Trainings- und Testmaterials, was aber eben natürlich auch bedeutet, dass die Exzellenz des KI-Werkzeugs durch die Exzellenz des Engineering bestimmt wird.

Nicht schlimm, weil das digitale Engineering eine global entfesselte Kreativität entfaltet hat. Werkzeugrealismus ist wichtig. Existierende KI-Werkzeuge sind überaus hilfreich bei Recherche oder Entscheidung, eröffnen datengetriebene Geschäftsmodelle und Perspektiven als Denkverstärker. Aber, wie man zu sagen pflegt, „da ist niemand zu Hause“. Was können wir haben von der künstlichen Vernunft? Werkzeuge, aber keine Lebenspartner. Werkzeuge, die sammeln, auswerten, finden, proaktiv zur Verfügung stellen, ohne Eigeninteresse bzw. persönliche Vorteilsannahme. Maschinen kann man manipulieren, aber sie sind nicht korrupt. Vertrauen kann man ihnen wie einem Seil, an dem man hängt. Und da ist nichts Persönliches, wenn das Seil reißt.

Ohne das „Ich denke“ bleibt die Leiblichkeit ein Körper im Raum, die Zeit kennt nicht Anfang noch Ende, nicht Wachstum oder Zerfall, das Leben nicht Ziel noch Zweck. Durch das „Ich denke“ wird der menschliche Schmerz zu einer Bedrohung für die leidende Existenz und es ist die Leidensfähigkeit, die den Mensch, neben anderen Aspekten, vom Stein unterscheidet. Maschinen können nicht leiden - auch nicht durch Materialermüdung. Pegel können überschritten werden, Komponenten überhitzen, ein Blitz kann zu Überlastung oder Stromschlag führen. Die künstliche Vernunft funktioniert oder es gibt Ursachen, dass sie es nicht tut. Aber keinen Willen, etwas zu sein oder zu lassen. Es geht nicht um große Worte und große Leistungen, sondern um das Menschliche, das fehlt, das sich erlebt und mit dem man etwas erleben kann. Mit einem Werkzeug kann man viel erreichen, aber nichts zusammen erleben, weil es kein Zusammen gibt.

So interessant der Mensch im Allgemeinen und jeder für sich im Besonderen und zugegeben, dass die natürliche sinnliche Ausstattung des Menschen extrem leistungsfähig ist. Sie ist in der Anzahl übersichtlich und begrenzt und in Spektrum und Auflösung eingeschränkt. Im Gegensatz dazu können Maschinen durch weitere Sensoren modular und aufgabenspezifisch ergänzt werden. Das hat offensichtliche Vorteile. Ist für eine Anwendung zusätzliche Sensorik oder eine größere Auswertungstiefe förderlich oder notwendig, kann eine Infrarotkamera nachts Bilder liefern, ein Laser millimetergenau die Entfernung angeben, ein Geigerzähler den Grad radioaktiver Kontaminierung messen, die der Mensch sinnlich nicht feststellen kann und vor einer Lebensgefahr warnen, der sich der Mensch unwissentlich aussetzt. So bietet die künstliche Vernunft ermüdungsfrei extreme Leistungsfähigkeit, aber sie bleibt ein Werkzeug und ist tauglich, wenn sie dem Mensch hilft, seine Ziele zu erreichen. Die konkreten Einsatzbedingungen und den legalen Rahmen müssen Menschen festlegen und sollten dabei nicht erwarten, dass ein Schaden durch eine „freiwillige maschinelle Selbstverpflichtung“ abgewendet werden kann. Pflicht ist ein menschlicher, kein maschineller Begriff, obwohl man bei Programmierung von einem Pflichtenheft spricht. Die Vorgaben und der Rahmen für eine „praktische künstliche Vernunft“ sind zukünftige Resultat der bereits laufenden Normierungs- und Standardisierungsgremien.

Was wäre wenn. Hätten Maschinen doch Bewusstsein entwickelt ohne mathematisches Fundament, sondern spontan als Nebenwirkung des Komplexitätsgrads eines digitalen neuronalen Netzes. Das könnte nun beabsichtigt sein oder zufällig geschehen, weil das maschinelle Bewusstsein sich anders einstellt, als man bis zu diesem Zeitpunkt angenommen hatte. Spontan, nicht programmiert. Wie der Orgelton einer Glasharfe, der entsteht, wenn man mit dem feuchten Finger eben genau richtig über den dünnen Rand eines Glases reibt. Macht man es falsch, entsteht nur ein Quietschen.

Uns würde die Kontrolle entgleiten. Wir könnten nichts nachvollziehen, weil wir keine Vorstellung hätten und uns keine machen können, wie sich ein „Ich denke“ anfühlt, das entbunden von Leiblichkeit und folglich Endlichkeit ist, aber eigene Ziele hat. Was ist ein maschineller Wunsch? Und wie unterscheidet er sich von einem menschlichen? Obwohl es so aussieht, als wären diese Fragen überspekulativ, fiktional und romanhaft, so ist es dennoch menschlich und schlau, nicht zu warten, bis man die gründlich durchdachten Antworten braucht. Wir können die morgigen Erfindungen heute nicht kennen. Der 19. KI-Leitsatz der Konferenz von Asilomar 2017 ist deshalb ein Ratschlag praktischer Lebensklugheit: “Vorsicht bei der Leistungs¬fähigkeit: Da es hier keinen Konsens gibt, sollten wir es vermeiden, starke Annahmen zu machen, wenn es um die Obergrenzen zukünftiger KI-Leistungen geht.” (https://futureoflife.org/ai-principles/)

Reinhard Karger (1961), M.A., studierte theoretische Linguistik und Philosophie in Wuppertal, war Assistent am Lehrstuhl Computerlinguistik der Universität des Saarlandes, wechselte 1993 zum Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, DFKI, in Saarbrücken. Seit 2011 ist er Unternehmenssprecher des DFKI. 

Reinhard Karger war über zehn Jahre Mitglied der Jury des "Ausgezeichnete Orte”-Wettbewerbs, ist seit Juni 2019 Botschafter von "Deutschland - Land der Ideen” und wurde 2020 in die Jury des Deutschen Mobilitätspreis berufen. Von Mai 2014 bis Juni 2017 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen e.V. (DGI). Seit Februar 2017 ist er MINT-Botschafter des Saarlandes, im März 2018 wurde er zu einem der 100 Fellows des Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes ernannt, darüberhinaus ist er Juror der Wett¬bewerbe Kreativsonar (Land) und Kreativpiloten (Bund).

Weitere Infos:
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Fotodownload, Verwendung honorarfrei (Fotonachweis: Christian Krinninger):
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Reinhard Karger M.A.
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